Dienstag, 3. März 2009
´Die Debatte zum Zusammenhang von (männlicher) Homosexualität und Faschismus

Gibt es einen – essentiellen – Zusammenhang von männlicher Homosexualität und faschistischen Tendenzen?
Dieses Thema, mit dem sich bereits u.a. Wilhelm Reich und Theodor W. Adorno auseinandersetzten, wird heute wieder verstärkt als gesellschaftlichen Tabus gehandelt und sowohl in der Genderdiskussion als auch in der historischen Auseinandersetzung mit der Nazizeit ausgespart. Einige wenige TheoretikerInnen und Kunstschaffende wie z. B. Klaus Theweleit in seinen „Männerphantasien" legten dennoch immer wieder den Finger auf diese Wunde, wofür sie von der Öffentlichkeit auf aggressivste Weise angefeindet wurden. Man nehme als Beispiel nur Elfriede Jelinek, die bereits 1991 und nochmals 2000 versuchte, einen Diskurs über Haiders "Buberlpartie" zu etablieren. Die bürgerliche Presse ging jedoch nicht auf das Thema ein, sondern zog sofort das Ass „Verleumdung“ aus dem Ärmel. Auch österreichische schwule Lobbyvereine wie die Homosexuellen Initiative Wien zeigten sich nicht begeistert. Es bestand eine Art "agreement", Haider nicht zu "outen", da er sich nie negativ zu Homosexualität geäußert hätte. Generell kann in der schwulen Community eine Affinität zu Alexander Zinns These beobachtet werden, der den „schwulen Nazi“ als Konstruktion der Exil-Linke in der Nazizeit verortet.
Völlig konträr dazu titelt das schwule Softpornomagazin "Du&Ich" im Jahr 2005 reißerisch: "Rechte Schande - was Schwule am Faschismus fasziniert". Johann Hari (Pseudonym!) kommt in dem zugehörigen Aufsatz zur Aussage: " (...) alle wirklich wichtigen europäischen Faschisten der letzten 30 Jahre waren schwul" (Pim Fortuyn, Michael Kühnen, Jörg Haider) und noch weit provokativer: "Es wird Zeit, sich einzugestehen: Faschismus ist ein schwules Problem". Bezeichnend für diesen Artikel im Softpornomagazin ist die Illustration mit Pinup-Fotos eines ebensolchig imaginierten „böse dreinschauenden“ Skinheads.

Im Rahmen des Festivals queerograd 09 werden diese unterschiedlichen Positionen aufgezeigt und diskutiert. Die Thematik soll aus der Verleumdungs- und Schmuddelecke herausgeholt und in einen seriösen, theoretisch fundierten Diskurs eingebettet werden.

Angedacht ist, das Programm nicht nur in Graz, sondern auch in Wien zu zeigen.
Kontakt mit möglichen KooperationspartnerInnen wie brut Wien, Rosalila PantherInnen, Red Out, Rosa Antifa Wien oder Rosalila Villa wurde bereits aufgenommen.

THEMENFRAGMENTE:

Konstruktion von Männlichkeiten als Topos der feministischen Forschung

Ulrike Brunotte: Zwischen Eros und Krieg – Männerbund und Ritual in der Moderne.
In ihrer 2004 veröffentlichten Studie zeigt Ulrike Brunotte, wie das »Gespenst der Homoerotik« zusammen mit der Angst vor einer Feminisierung der Politik die deutschen Männerbünde bestimmt hat und ein Feindbild entstand, in dem sich Antifeminismus und Antisemitismus verbanden.
Im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Umbrüchen um 1900, die auch die Geschlechteridentitäten erschütterten, entwickelten sich Vorstellungen von hyperviriler Männlichkeit, die den vermeintlichen Bedrohungen einer als »weiblich« und zugleich »jüdisch« empfundenen Kultur der Moderne widerstehen sollten.
Detailliert zeichnet Ulrike Brunotte nach, wie in den Diskussionen um »Männlichkeit« auf ein Ideal des »wilden Kriegers« und auf stammesgeschichtliche Initiationsriten zurückgegriffen wurde.
Und zum ersten Mal widmet sich eine Studie so ausführlich dem Berliner Psychologen Hans Blüher, der die ganze Ambivalenz dieses Männerbundmodells – das vom Wandervogel bis zu SA und SS gewirkt hat – offenbarte, als er nach der Rolle des Eros in der männlichen Gesellschaft fragte.
In ihrer eindrucksvollen Analyse räumt die Autorin der Literatur einen besonderen Raum ein

Sexuelle Fetischisierung von gewaltmächtigen Männerbildern: der „edle Wilde“

Wichtiges Thema soll hierbei neben dem gesellschaftspolitischen Aspekt auch die angeblich unpolitische sexuelle Fetischisierung von Naziästhetik in schwulen Kreisen sein, Stichwort: „Gayskin“ - eine Entwicklung, die vor allem auf Bruce la Bruce`s Film „Skin Flick“ zurückgeführt werden kann.
Diese Tendenzen sind aber auch in „Hetero-Kreisen“ zu beobachten: Ein ähnlich unreflektierter Umgang mit faschistischer Symbolik und riefenstahl`scher Ästhetik findet sich immer wieder in diversen Modefotografien (zb.Helmut Newton). Höhepunkte der Gedankenlosigkeit provozierte Sascha Baron Cohen in seiner „Ali G Show“, getarnt als Reporter eines fiktiven österreichischen Gaymagazins, wobei er sich die "In or Out" Frage mit "In", oder bei Nichtgefallen, mit "Train to Auschwitz" von diversen Modepromis beantworten läßt, die dann auch ohne mit der Wimper zu zucken, „unstylische“ Menschen in den "Train to Auschwitz" schicken.

Oder handelt es sich bei diesem Phänomen und dessen Betrachtungsweise um ein „postmodernes“?: Historische und somit moralisch besetzte Zeichen und Symbole werden plötzlich „sinnentleert“ und „verfügbar“; was ist für diese Spielart des „Camp“ die Ursache und ist dies als emanzipatorisch oder doch eher regressiv zu bewerten?

Erhabener Körper und quälbarer Leib
Vortragskonzept von Gerhard Scheit:
Verschwinden die Klassen in der Volksgemeinschaft und die Produktionsverhältnisse in der Vernichtungspolitik, dann wird etwas wie die Phantasmagorie des erhabenen Körpers unabdingbar – Ergebnis davon, daß die Individuen, in ihrem Bewußtsein den Rechts- und Vertragsbeziehungen entbunden, vollständig zur Masse geworden sind, mit Freud gesprochen: „ein und dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ichideals gesetzt und sich infolgedessen in ihrem Ich miteinander identifiziert haben“.
Der libidinös besetzte Leib, der dem einzelnen Verliebten als erhaben erscheint, nur um die geschlechtliche Lust noch zu steigern, verschwindet in der „Ästhetisierung der Politik“ (Walter Benjamin), und die Erhabenheit wird zum gepanzerten, gestählten Körper, in dem die Masse sich spiegelt: der Körper der Volksgemeinschaft, der in den Massenorganisationen ertüchtigt wird und den faschistische und nationalsozialistische Kunst- und Filmproduktion ausgeklügelt zur Schau stellen. Er ist nur die Hülle der Opferbereitschaft und kennt deshalb keinen Schmerz.
Indem die Massenindividuen sich miteinander identifizieren, stellen sich Selbstschädigung und Selbstaufopferung, die doch in der individuellen Liebe noch bei größtem Zurücktreten der sinnlichen Ansprüche darauf zielen, den Trieb durch die sexuelle Vereinigung mit dem anderen zu befriedigen, als Selbstzweck heraus, worin alle Befriedigung des Triebs, soweit sie weiterhin möglich ist, den Ansprüchen auf Identifikation mit dem Kollektiv unterworfen wird. Darum wird in jeder nationalsozialistischen Darstellung des Leibs die Haut zum Panzer.
Wer aber von diesem Massenwahn sich freihält und von jenen, die ihn sich zu eigen machen, verfolgt wird, dem reduziert sich der Leib auf die eine einzige Bedeutung, daß er quälbar ist; Grausamkeit und Destruktion werden von aller vertraglichen Bindung entfesselt, und er allein gilt noch als Maß aller Dinge. Am kategorischen Imperativ nach Auschwitz, wie ihn Adorno formulierte, „läßt leibhaft das Moment des Hinzutretenden am Sittlichen sich fühlen. Leibhaft, weil es der praktisch gewordene Abscheu vor dem unerträglichen physischen Schmerz ist, dem die Individuen ausgesetzt sind, auch nachdem Individualität, als geistige Reflexionsform, zu verschwinden sich anschickt.“

Parallelbetrachtung zur sexuellen Fetischisierung von Tätern durch ihre Opfer: die israelischen „Nazi-Pornos“

Israel, 1961: In Jerusalem findet der Prozess gegen Adolf Eichmann statt, der der Verantwortung für die Deportation und Ermordung von Millionen von Juden und Jüdinnen angeklagt ist. Im Schatten des Prozesses, in dem erstmals Überlebende des Holocaust als Zeug_innen der Weltöffentlichkeit von den NS-Verbrechen berichten, erlebt ein neues literarisches Genre seinen Aufschwung: die sog. Stalag-Romane, genannt "Stalags". In den folgenden zwei Jahren werden hunderttausende dieser Groschenromane, die in ihren Stories Hetero-Sex mit Bildern von Nazi-Terrror verbinden und vor allem von männlichen Jugendlichen konsumiert werden, an den Kiosken verkauft.
Die Stalag-Romane (Stalag = Stammlager, als solche wurden Lager für Kriegsgefangene in der NS-Zeit bezeichnet) waren im Wesentlichen Variationen eines Motivs: Ein alliierter Soldat – meist verkörpert durch einen US-Piloten – gerät in Gefangenschaft der Nazis und wird im Lager von sadistischen, sexhungrigen SS-Aufseherinnen gedemütigt, gefoltert und vergewaltigt. Als er sich endlich befreien kann, rächt er sich seinerseits an seinen Peinigerinnen mit Vergewaltigung und Mord.

In Abgrenzung zur Eltern- und Großelterngeneration verkörperten die Figuren der Stalag-Romane für das männlichen Teen-Publikum das Gegenteil des "jüdischen Opfers": Macht, Aggressivität, Potenz.

„So grell, vulgär und respektlos die Stalag-Romane auch gewesen sein mögen – sie durchbrachen das Schweigen derer, die den Lagern entkommen waren. Die Kinder der Überlebenden, die die tägliche Präsenz eines willkürlichen Todes und die ständige Todesangst ihrer Eltern gespürt hatten, machten diese Erfahrung öffentlich.“ (Tal Sterngast)

Anhand dieser „Parallelbetrachtung“ – die auch eine Parallelbetrachtung der Funktionsweisen von Homophobie und Antisemitismus impliziert – soll über Grundzüge des Sadomasochismus, die Libidonisierung von Tätern durch deren Opfer spekuliert werden und die Frage gestellt werden, ob dies (auch) eine Ursache des Naziästhetik-Fetischs bei Schwulen (und Lesben?) sein könnte.

Sexuelle Hierarchisierung

Christina Kaindl und Jörg Nowak:
Geschlechter und sexuellen Orientierungen sind in modernen Gesellschaften hierarchisch angeordnet. Lesben und Schwule haben einen anderen gesellschaftlichen Rang als (heterosexuelle) Frauen und Männer. Homoerotik macht diese Rangfolge brüchig. Daraus leiten sich verschiedene Fragen ab: Welche Rollen spielen homoerotische Erfahrungen in der Sozialisation von Jungen und Männern und die dadurch erfolgenden Bindung bestimmter Bilder an sexuelle Praxen? Anders: Welche sexuellen Handlungen gelten als feminin und gefährden damit die eigene Männlichkeit? Welche Möglichkeiten haben Männer deshalb, um mit der Attraktion anderer Männer umzugehen? Zugespitzt: Was erlaubt einer homophoben Massen, einem möglicherweise schwulen Führer zu folgen? Wie genau geht also die sexistische Verteilung der Rollen von statten, was macht männliche, nicht-männliche und unmännliche Sexualitäten aus? Wie genau ist das Konkurrenzverhältnis zwischen den einzelnen Sexualitäten gestaltet, bzw. was ermöglicht es letztendlich, dass Nazis Männer anhimmeln können, ohne ihre eigene Männlichkeit zu gefährden und umgekehrt Schwule hyper-männlich auftreten können und dabei trotzdem nicht zu vollständigen Männern werden?

 
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